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Kindheitskonversation oder auf der kleinen Mauer

  • 6. Sept. 2017
  • 2 Min. Lesezeit

Ich bin ein Kind, sag ich,

und glaub das selber nicht so wirklich,

denn wenn ich eine Pfütze seh,

Will ich nicht, dass ich rein steh.

Nun stehst du vor mir, wir sehen gemeinsam unsren Herzen beim Brechen zu und verstehen erst dann, dass die Scherben zeigen, wieviel Liebe in uns steckt. Deine Augen sind etwas feucht, meine wohl tiefnass und wir atmen die frische, vom Regen geschwängerte Luft ein, um nicht an den ganzen Erinnerungen zu ersticken. Als deine Hand immer weiter von meiner geht erinnere ich mich trotzdem an uns, damals, auf der kleinen Mauer vor meinem Haus: Damals, als ich fragte:

„Denkst du, dass wir eines Tages aufstehn, die Buntstifte weglegen und uns den Kugelschreiber ans Hemd stecken?

Denkst du, dass wir eines Tages vergessen, dass wir Spinat doch eigentlich gar nicht mögen?

Denkst du, dass wir eines Tages „Okay“ sagen und nicht mehr „Warum?“

Ich glaube schon und bin dann etwas traurig, denn an dem Tag regnet es kleine Frösche und wir sehen sie nicht, wir sehen nur Wasser.“

Du hast „wir werden halt erwachsen“ gesagt und mit den Schultern gezuckt, du wusstest nicht genau was das heisst.

Ich ja auch nicht.

Was ich aber wusste war, dass mir Erwachsenwerden weitaus schwieriger erschien wie Erwachsensein.

Deine Hand hat die meine nun vollständig losgelassen und ich steh alleine da. Meine Beine rennen los und mein Kopf hinterher, los durch den Regen. Das Nass prasselt auf meine Stirn und ich hoffe, dass es nicht nur das schon verschmierte Makeup wegwischen würde, sondern auch meine ganzen Gedanken.

Eine Flamme kindlicher Freude steigt in mir auf, aber findet kein Brennholz, flackert nur noch ganz leicht, doch ich bemerke, wie sehr dieses Feuer mir gefehlt hat.

Renne weiter bis ich mich auf dieselbe Mauer vor meinem Haus setze. Stelle dieselben Fragen wie damals, doch du bist nicht da um sie zu beantworten.

Ich bin ein Kind, sag ich,

und glaub das selber nicht so wirklich,

denn wenn ich eine Pfütze seh,

Will ich nicht, dass ich rein steh.

Dann, spring ich trotzdem rein, meine Schuhe werden zu Gummistiefeln und mein Regenschirm bekommt diese Froschaugen, wie sie die Kindergärtner immer auf ihren Schirmen haben. Der letzte Funken Kindesfreude entfacht sich wieder und brennt weiter, findet das erste Mal seit langem Brennholz. Mein ganzer Körper leuchtet warm, meine Haare, meine Wangen, meine Fingerspitzen, mein Herz.

Und jetzt weiss ich genau so wenig wohin wie vorhin, doch ich steh mitten drin,

Denn immerhin weiss ich, dass ich werde und noch nicht bin.

(Text vom JKF 2017)


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#1 

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#2

you're so vain - 

Carly Simon

#3

the logical song - Supertramp

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