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Das Käuzchen

  • 3. Apr. 2017
  • 2 Min. Lesezeit

Da liege ich wieder im Bett, um 23 Uhr, nach einem langen Schultag, nach scheinbar endlosen Erklärungen meines Mathelehrers und nach dem Verspeisen eines Ovomaltine- Schokoriegels. Wie immer. Wie immer kommen aber auch die Sorgen hervor, nachts um 23 Uhr, das, was mich beschäftigt. Sie kriechen hervor, aus den dunklen Schatten und fragen mich, ob ich den Schokoriegel doch nicht hätte essen sollen.

Ja, darüber denke ich oft nach, stelle mir Fragen und überlege mir, was „perfekt“ ist.

Es ist ein Adjektiv, es bedeutet makellos, vollendet oder fehlerfrei. Ich mag es nicht. „Perfekt“, das klingt doch böse, wie etwas, dass ich nie erreichen werde. Es klingt gemein, tückisch, aber trotzdem wie ein Wunsch, wie ein stiller, sehnlicher Traum.

Da möchte ich am liebsten schreien, „perfekt“ in die Abgründe versenken und mit meinen Fäusten auf das weiche Kissen einschlagen.

Jetzt ist es 23:30 Uhr. Es ist still. Ich habe nicht geschrien, nicht gehämmert und „perfekt“ nicht verflucht.

Statt dessen verfluche ich meine Beine, die nicht supermodelschlank sind, meinen Bauch, der nicht supermodelflach ist, meine Augen, die nicht stahlblau sind, meine...

Dann höre ich auf. Plötzlich. Der Schwall, der scheinbar nicht zu stoppen war verstummt, denn ein Käuzchen flog am Fenster vorbei. Seine Flügel warfen Schatten auf meine Wand und sein majestätisches „Uhu!“ durchbrach die Stille der Nacht.

Das war um 23:45 Uhr. Und es war dann, als ich aufhörte meine Unzulänglichkeiten zu verfluchen.

„Wieso das?“

Weil das Käuzchen geflogen ist. Ja, es ist geflogen! Aber ich, ich werde nie fliegen wie das Käuzchen. Ich war auch nie traurig darüber. Darüber, dass ich nie fliegen werde. Wieso also sollte ich darüber traurig sein, dass ich nie perfekt sein werde?

Dafür sehe ich keinen Grund mehr. Denn wenn wir (Ja, ich bin mir ganz sicher, dass jeder solche Gedanken hat) alle dem, was wir nicht können gleich viel Zeit schenken würden wie dem Streben nach Perfektion, hätten wir keine Zeit mehr um glücklich zu sein.

Seit dieser Nacht weiss ich das. Seit dieser Nacht ist „perfekt“ nach unten verbannt worden, und seit dieser Nacht bin ich mit meinen nicht supermodelschlanken Beinen zufrieden.

Natürlich beschäftigt mich der Wunsch nach Perfektion immer noch, aber ich trage Shorts und fühle mich wohl und ich trage einen Bikini und schäme mich nicht.

Und weißt du was? Du kannst das auch. Verdränge „perfekt“ doch weit, weit weg, lass es fliegen, denn du kannst sowohl ohne fliegen, als auch ohne „perfekt“ glücklich sein.

Da liege ich im Bett, um 24 Uhr und weißt du was? Ich esse einen Ovomaltine- Schokoriegel. Den zweiten.


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DREI SEELENSONGS

#1 

you don't own me - Lesley Gore

#2

you're so vain - 

Carly Simon

#3

the logical song - Supertramp

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