Am 17. Oktober
- 3. Apr. 2017
- 3 Min. Lesezeit

Ich will mein Leben wie ein Dokument formatieren und will auf einem Seil aus noch zu erreichenden Zielen balancieren, hänge mich an das kleine Stückchen Zukunftsplan und stolziere mit erhobenem Kopf über die hinter mir einstürzende Brücke der Gegenwart. Und ich rede mir ein, dass das das Richtige ist, überzeuge mich selbst von meinen mir eingetrichterten Gedanken. Strebe nach guten Noten, zerbreche mir über Pi, Kommata und Subjonctif Passé den Kopf, während mein Herz verzweifelt dazwischen schreit, protestiert und sich nach vergeudeten Nachmittagen frei von irregulären Verben sehnt.
Denn ich will mein Leben nach kitschigen Liebesfilmen richten, will auf abgetretenen Happyenden durchs Leben tanzen, lächle verträumt dem Traum der letzten Nacht nach und öffne die Türe zu dem bodenlosen Raum in dem ich dich vermute. Und dabei denke ich, das Richtige zu tun, zeichne Wolkenschlösser in den Himmel und springe den Schmetterlingen in meinem Bauch hinterher. Doch bald fängt mein Verstand die Schmetterlinge ein, zertritt sie und es regnet aus dem Wolkenschloss, bis es vollends verschwindet.
Wir haben uns ja vorher schon gekannt, du und ich. Aber es ist alles anders geworden, Louis, als wir Eisessen gegangen sind, am 17. Oktober.
Ich hab mir überlegt, was ich anziehen soll, hab den neuen Lippenstift ausprobiert und hab ein kleines Bisschen von Mamas teurem Parfüm benutzt. Dann bin ich in den Bus gestiegen und hab die Haltestelle verpasst, weil ich „Gesprächsthemen für das erste Date“ gegoogelt habe. Wild winkend bist du dort gestanden, ich bin rot angelaufen und noch nervöser zurück gefahren.
Du hast eine Kugel Erdbeereis bestellt, ich eine Kugel Zitroneneis.
Eigentlich wollte ich Schokolade und Zitrone, aber dann hättest du vielleicht gedacht, dass ich zu viel esse. Also hast du eine Kugel Erdbeereis bestellt und ich eine Kugel Zitroneneis.
Louis, das Reden ist dir so leicht gefallen, du bist von Thema zu Thema gesprungen, unbeschwert, unbesorgt, unbeirrt, während dem ich mich in deinen Worten verlaufen hab, deinen Themen hinterher gehinkt bin, ungeschickt, ungeübt, unelegant.
Als du mich gefragt hast, was mein Lieblingslied ist wollte ich „Keine Ahnung“ oder „Weiss nicht“ sagen, denn vielleicht magst du „Hey Jude“ ja nicht. Ich hab dann „Weisse Nichtung" gesagt und du hast gelacht.
„Über mich?“ „Sein Lachen ist süss.“ „Über mich.“ „Er hat Grübchen!“ „Über mich!“ „Und seine Augen glitzern.“
Du musstest früher los und ich bin am Tisch sitzen geblieben, in Gedanken versunken. In Gedanken ertrunken passt wohl besser. Ich konnte mich aus dem Meer aus vorwurfsvollen Konjunktiven nicht wieder hochkämpfen - wenn ich mehr über Fussball gewusst hätte wäre er länger geblieben, wenn ich gewusst hätte, dass seine Lieblingsfarbe blau ist, hätte ich das blaue Top angezogen, wenn ich….
Ich konnte fühlen, wie ich langsam unterging, wie mein Herz meinem Kopf vorwarf zu viel zu denken und wie mein Kopf sich über mein naives Herz beklagte. Und all das Louis, all das wegen dir.
Aber, warft eine kleine, leise Stimme ein, vielleicht geht es ihm genau so, vielleicht wird ihm das Geschrei in seinem Körper manchmal auch zu laut, vielleicht will er manchmal auch wegfliegen und nicht zurück kommen.
Fünf Minuten später stehe ich mit erhobenem Kopf auf und stolziere mit einem zweiten Eis aus dem kleinen Laden. Wieso?
Weil ich die Stimmen voll aufgedreht und mich gezwungen habe, ihnen zuzuhören.
„Hey du,“ hat mein Herz gesagt, ein
e honigsüsse, in Rosenblätter getauchte Frauenstimme wie die Wahrsagerinnen im Fernseher, „Hör zu, du hast dich verliebt…“ „Quatsch!“ hat mein Verstand gerufen, etwas aggressiv, näselnd, aber mütterlich: “Nur weil dir einer mal Aufmerksamkeit schenkt und dir sagt, dass du einigermassen attraktiv bist hast du dich nicht verliebt. Du bist verliebt in den Gedanken, verliebt zu sein!“ „Du schätzt ihn falsch ein, ich fühle mich gut bei ihm, schön und er hört mir zu!“ „Er will dich sowieso nicht wirklich, wer würde dich denn wollen und ausserdem macht diese „Liebe“ doch alles nur kompliziert.“
Die kleine, leise Stimme von vorhin hat dann „Stopp!“ geschrien und ganz leise gesagt, dass ich keinen Louis brauche um schön zu sein, dass ich mich verlieben kann, ohne naiv zu sein, dass Ich meine Priorität sein sollte. Dass mein Herz und mein Verstand sich solange streiten werden, bis sie sich in der Mitte treffen und sehen, dass sie beide nur glücklich sein wollen.
Übertönt hat sie beide Stimmen.
Louis,
Ich will mein Leben wie ein Dokument formatieren und wenn ich damit fertig bin zeichne ich Wolkenschlösser in den Himmel und stürze mich in den bodenlosen Raum, in dem ich dich vermute.

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